Digitale Transformation von und für Unternehmen

Interview mit Yule Schmidt, Twitter Inc.


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Die Firma Twitter müssen wir Lesern dieses Blog nicht länger erklären. In der noch kurzen Geschichte von Twitter hat sich sehr viel getan, und noch mehr scheint möglich. Thomas Pfeiffer von den Webevangelisten hat mit Yule Schmidt gesprochen. Die Kanadierin mit deutschen Eltern war zunächst für Internationalisierung zuständig und baut jetzt das Geschäft speziell für den deutschsprachigen Raum auf.

Thomas Pfeiffer (@codeispoetry): Yule, Du arbeitest bei Twitter Inc., diesem Laden, der die Medienwelt seit vier Jahren gehörig durcheinander bringt. Wie arbeitet es sich bei einem kalifornischen Start-Up, das zwar kein Geschäftsmodell, dafür aber 35 Millionen Dollar Venture-Capital hat?

Yule Schmidt (@schyule): Wir sind hier verwöhnt. Unser Büro hat eine sehr aufregende Atmosphäre. Der Laden wird von tollen, charismatischen Leuten geführt, die eine positive und offene Arbeitskultur fördern. Wir arbeiten und haben sehr viel Spaß miteinander. Alles wird offen diskutiert und jeder kann Ideen beitragen, wenn er/sie irgendwas teilen möchte. Wir essen jeden Tag zusammen Mittagessen und treffen uns jeden Freitag für ein paar Stunden bei Getränken und Snacks und diskutieren den Status unserer vielen Projekte. Es wird einfach viel gelacht.

Yule Schmidt, Twitter Inc.

Wie bist Du an diese Stelle gekommen – wohl kaum über eine Annonce auf Craigslist, oder :-)?

Fast schon! Letztes Jahr habe ich mein Studium in Stanford abgeschlossen und fing an, nach Jobs zu suchen. Ich bin Kanadierin mit deutschen Eltern, musste also nach dem Abschluss zurück nach Whitehorse, an den Yukon (mein Zuhause) und von dort aus einen Job finden. Ich hatte ein Arbeitsvisum, konnte aber ohne Job nicht zurück in die Staaten.

Stanford hat aber ein tolles Online-Job-Netzwerk für alle (ehemalige) Studenten und ich habe irgendwann im Spätsommer eine Annonce für eine Stelle bei Twitter gesehen. Ich habe mich beworben, wurde über Skype interviewt und habe einfach Glück gehabt.

Bei Twitter bist Du für Internationalisierung, genauer gesagt: für Twitters deutschsprachigen Teil zuständig. Die Seite selber wurde ja zum Großteil von der Community übersetzt. Was ist jetzt Deine Aufgabe bei Twitter?

Mein Job als Internationalisierungsspezialistin bestand darin, die Übersetzung der Plattform durch die Nutzer zu koordinieren, sowie einige Dokumente, wie die AGB und Datenschutzbestimmungen, selbst zu übersetzen (wir wollten unsere Nutzer nicht durch die Übersetzung solch langer komplizierter Seiten abschrecken!). Jetzt bin ich hauptsächlich für den Unterhalt der Webseite verantwortlich sowie die Übersetzung der Hilfsartikel. Ich reagiere auch auf alle Hilfsanfragen von deutschen Benutzern. Zur gleichen Zeit arbeiten die anderen angestellten Übersetzer (für Franzözisch, Spanisch und Italienisch) und ich immer noch mit dem Team-Ingenieur, um den Übersetzungsprozess für künftige Sprachen zu vereinfachen.

“Ich will Heidi Klum auf Twitter kriegen!”
→tweet this

Jetzt arbeite ich auch daran, unsere Präsenz in Deutschland zu zementieren. Ich möchte Partnerschaften mit deutschen Firmen und Berühmtheiten ausbauen, so dass Twitter in Deutschland beträchtlich wächst. Es ist eines meiner persönlichen Ziele, Heidi Klum auf Twitter zu kriegen. Wenn ich das schaffe, würde ich jedem meiner 140 Kollegen ein Bier kaufen. :-)

Warum heißt es auch auf Deutsch „Following/Follower“ und nicht „Verfolger“ oder „Folger“?

Wörter wie “Follower” und “Following” sind der Albtraum von Übersetzern und wurden natürlich intensiv von den crowdsourced Benutzern debattiert.
Ich habe schließlich “Follower” und “Following “gewählt, weil die Mehrheit der Übersetzer es so wollte und es schon weitgehend benutzt wurde (z.B. in Artikeln und Blogs).

Ursprünglich hatte ich auch mein Herz an eine Übersetzung der Wörter gehängt, denn ich hatte vor, eine authentische deutsche Webseite zu bauen – ich wollte nicht “Twitter auf Deutsch” sondern “Deutsches Twitter” gestalten. Aber es gab einfach keine guten Alternativen zu “Follower/Following”. “Folger” war wahrscheinlich die beste Übersetzung für Follower aber für Following gab es dann kein entsprechendes Wort außer “ich folge xyz”. Aber ich wollte einen Nomen, also habe ich mich für Following und Follower entschieden. Die meisten Benutzer haben es (Gott sei Dank!) ohne Murren akzeptiert.

Wer sich von Deutschland aus bei Twitter neu anmeldet, erhält 20 Vorschläge von Konten, denen zu folgen sich lohnen soll. Nach welchen Kriterien werden diese Kontenvorschläge ausgesucht?

500 Euro auf mein persönliches Bankkonto und Du kannst auch auf die Liste kommen!  Nein, wir benutzen einen Algorithmus, um die Konten mit dem meisten “Einfluss” in jedem Land zu identifizieren. Der Algorithmus kalkuliert verschiedene Kriterien, wie Followeranzahl und Engagement, was wir durch eine Reihe von weiteren Kriterien messen, nämlich wie oft der Benutzer sich einloggt, wie oft er/sie einen Tweet einträgt, usw. Ich überprüfe dann die Liste, füge Konten von Berühmtheiten, Sportlern, Bloggern oder Nachrichtendiensten hinzu und und entferne die, die aus irgendwelchen Gründen nicht zur Liste passen. Die Liste wird dann regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht.

Man fragt sich – besonders in Deutschland – immer wieder, womit Twitter irgendwann mal Geld verdienen will. In Japan finanziert man sich zum Teil durch Werbung. Werden wir auch in Deutschland bald Werbeanzeigen sehen? Oder gibt es bald die oft kolportierten kostenpflichtigen Premium-Accounts?

Naja, so viel zu diesem Thema kann ich auch nicht sagen. Da wird irgendwas auf kleiner Flamme gekocht und wir werden es bald servieren

Mit der Internationalisierung und Lokalisierung hat Twitter nach Meinung Vieler den richtigen Weg eingeschlagen. Twitter gibt es mittlerweile in sechs Sprachen und einzelne Tweets können mit Geodaten angereichert werden. Wann kommen die „Local Trends“ auch für den deutschsprachigen Raum?

“Ich liege dem Local-Trends-Team in den Ohren” →tweet this

Du kannst Dich darauf verlassen, dass ich dem Local-Trends-Team mit deutschen Trends in den Ohren liege. Es kommt aber drauf an, wie oft unsere deutschen Benutzer mit Hashtags twittern und wie gut die Qualität der zehn Top Hashtags ist. Die Tweeps, also die Mitarbeiter von Twitter, die an Local-Trends arbeiten, sind wunderbare Leute, die schnell arbeiten, aber nur das Beste auf der Webseite einführen, also sobald wir das Feature für internationale Trends fertig haben, wirst Du “Deutschland” auf der Liste der Trending-Orte sehen.

Einige bemängeln mangelhaften Support von Twitter, z.B. bei Streitigkeiten um gekidnappte oder verwaiste Accountnamen. Wird Twitter in Zukunft mehr Personal für Customer Care bereitstellen oder wo liegen die Schwerpunkte für 2010?

Seit ich hier arbeite, hat sich die Firma mehr als verdoppelt und wir wachsen immer noch in jedem Bereich. Support ist natürlich ein Schwerpunkt, denn nichts ist uns wichtiger als unsere Benutzer und je besser unser Support ist, desto zufriedener sind sie mit unserem Dienst. Wir können ohne unsere Benutzer nicht existieren – sie SIND Twitter, also sorgen wir uns um sie.

Im Allgemeinen haben wir 2009 die Hauptmängel unseres Dienstes untersucht und sind dabei, Pläne zur Verbesserung zu entwickeln. Wir sind so schnell gewachsen, dass wir viele Problem nicht vorhersehen konnten (z.B. wir hatten keine feste Strategie für die Freigabe von verwaisten Konten). Aber jetzt haben wir festen Boden unter den Füßen und können uns auf einen langfristigen Plan für unsere Firma konzentrieren. Es ist eine aufregende Zeit!

Angst vor Google Buzz?

Nein, solange wir uns auf unsere eigenen Ziele konzentrieren. Wir besitzen kein Monopol für Echtzeit-Kommunikationen. Wir führen die Entwicklung und Verbesserung unseres Produktes fort und vertrauen darauf, dass wir etwas Eigenes und Wertvolles für unsere Benutzer erstellen können. Solange wir uns auf unsere Zwecke konzentrieren und das machen, was wir gut können, müssen wir uns vor Nichts fürchten.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Twitter!
Yule Schmidt twitter auch unter dem Account @twitter_de

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6 Kommentare

  1. Liest sich sehr gut. Danke!

  2. Obwohl es sich so gut liest und ich wissen wollte wie es weitergeht, konnte ich’s mir nicht verkneifen, immer mal wieder zwischendurch zum Bild hochzuscrollen ;-)

  3. Ji Yule,
    was meinst Du, Du möchtest deutsche Firmen ins Boot holen? Meldest Du Dich mal bei XING an?
    Servus,
    Seoux

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  3. schmidt » Twitter Trends

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