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niiu – ein neuer Anlauf zur Lösung der Zeitungskrise?


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Am vergangenen Freitag war es dann soweit: meine erste niiu-Ausgabe wurde geliefert – individuell nach meine Vorgaben aus einem Pool von Content-Lieferanten zusammengestellt:

niiu-Titelblatt

Die Probleme der Zeitungsbranche sind hinlänglich bekannt: sinkende Auflagen – und damit einhergehend – sinkende Werbeerlöse stellen ein Geschäftsmodell, welches etwa zwei Jahrhundert lang ausgeprochen gut funktionierte, in Frage. Und diese lautet zukünftig nicht „weniger oder andere Zeitungen“, sondern ggf. „überhaupt keine Zeitung“ mehr.

Während in den USA sich die Lage zuspitzt, einige Orte werden demnächst zeitungsfrei sein, geniessen die deutschen Verleger noch eine Schonfrist; wie diese genutzt werden könnten, hat Jeff Jarvis letztes Wochenende ausführlich dargelegt.

Warum sind aber Zeitungen im Laufe der letzten Jahre zunehmend ins informationelle Abseits gelangt? Hierauf gibt es viele Anworten; als ehemaliger Abonnent von Frankfurter Allgemeine, Financial Times und DIE ZEIT möchte ich meine wichtigsten kurz auflisten:

  • Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute: Früher hieß es einmal, nichts wäre so alt wie die Zeitung von gestern. Im Zeitalter von Twitter- und Facebook-Streams sowie  RSS-Feeds mutet jedoch die Zeitspanne zwischen Redaktionsschluß und der Lieferung meines Exemplares wie eine Ewigkeit an.
  • Gatekeeper: Ich kann ohne größere Anstrengungen hunderte von Headlines, Updates und Tweets pro Tag nach Informationen, Themen und Meinungen scannen, die ich interessant finde – ich brauche niemanden mehr, der dies für mich übernimmt.
  • Tyrannei des Ortes: Mein Smartphone befreit mich von den Nachteilen der Zeitungsdistribution – Informationen sowie die sich in Folge entwickelnde Kommunikation sind jederzeit mobil verfügbar.

Aktuell lese ich mit brand eins nur ein Printprodukt regelmäßig. Dies mache ich allerdings auch schon seit Jahren und ich archiviere die Hefte, womit sich der Sonderstatus von brand eins in meinem Informationsuniversum erklärt. Die (gelegentliche) sonntägliche Lektüre der FAS schätze ich ebenfalls. Diese ist dann allerdings mehr dem Event des Café-Konsums geschuldet: In meinem Café gibt es die FAS im kostenlosen Bundle mit dem Koffein.

Wie verhält es sich jetzt mit der niiu in diesem Zusammenhang? Meine Eindrücke von meiner Pilotausgabe lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Lieferung erfolgt nicht als Postvertriebsstück in meinen Briefkasten, sondern über einen gesonderten Zustelldienst. Da in Berlin die Briefkästen in der Regel nicht von der Straße aus zugänglich sind, führt dies im Moment zwangsweise dazu, daß die niiu in der Hofeinfahrt landet. In Winterzeiten ist dies keine gute Idee, da ich Wert darauf lege, daß die Haptik meiner Zeitung stimmt: sauber, trocken und ungelesen. Feucht und ggf. verschmutzt ist dieser Erwartungshaltung auf der anderen Seite abträglich.
  2. Die niiu hat kein eigenständiges Design, sondern aggregiert zugelieferte Seiten der Partnerzeitungen, was z.B. quasi zwangsweise zur Verwendung einer Vielzahl unterschiedlicher Layouts, Fontarten und Fontgrößen innerhalb einer Ausgabe führt. Hinzu kommt, daß die Applikation derzeit mit Doppelseiten nicht immer richtig umgehen kann, was zu seltsamen Seitenumbrüchen führt. Sicherlich haben diese Einschränkungen etwas mit technischen und lizenzrechtlichen Gründen zu tun. So hat die niiu ein vom Digitaldruckverfahren vorgegebenes Format, welches mit jenen der Partnerunternehmen in der Regel nicht übereinstimmt. Und letztere wollen zudem noch als z.B. die New York Times zu erkennen sein. Zusammenfassend führt dies derzeit jedoch zu einem visuellen Auftritt, der meinen Ansprüchen nicht genügt: Die niiu muß anders aussehen als ein Anzeigenblatt.
  3. NYT-BILD-Doppelseite_niiu

  4. Die Zusammenstellung des Inhalts der Ausgabe deckt sich nach m.E. nicht vollständig mit der Bestellung. Auch ist mir nicht deutlich, wie die Auswahl von Blogposts erfolgte. Sie erscheint derzeit etwas willkürlich und die beigefügten Links stören ausgesprochen. Man sollte an dieser Stelle einen URL-Shortener einsetzen, wenn man den Lesern die Möglichkeit geben möchte, den Originalpost aufzurufen. Insgesamt möchte ich über den Produktionsprozeß gern mehr erfahren, damit ich ggf. eine bessere Auswahl der Inhalte treffen kann.

Fazit:

Die aktuelle Diskussion, wie die Zeitungsbranche dieser Herausforderung begegnen kann, ist spannend und vielseitig: Von den Protagonisten der Link-Ökonomie – wie Jeff Jarvis – bis zu den (deutschen) Verfechtern eines Leistungsschutzrechts, welches auf mich zugegebenermaßen wie Maschinenstürmerei wirkt.

Die niiu bewegt sich in diesem Spannungsfeld als eine Art Hybrid, quasi ein gedruckter RSS-Feed. Das klingt wie Rosinenpicken unter der Leserschaft: Man gewinne diejenigen, welche das haptisch-visuelle Vergnügen einer Zeitung mit der Aktualität eines Feeds kombinieren wollen.

Ob die niiu mit diesem Ansatz Erfolg haben wird, läßt sich anhand der aktuellen Pilotausgabe m.E. nicht einschätzen, dazu fehlt noch zuviel am Produkt, um zahlende Kunden zu gewinnen. Ich bin aber gern bereit, einen weiteren Anlauf zu wagen, wenn sich das Konzept erst einmal eingespielt hat und die Kinderkrankheiten bzw. Konzeptmängel überwunden sind.

Hintergrund zur zukünftigen Monetarisierung des News-Business:

Als Überblick zur Frage der Monetarisierung journalistischer Inhalte empfehle einerseits ich eine Präsentation von Holger Schmidt, FAZ:

Dann ein Video von Jeff Jarvis, u.a. zu Trends wie hyperlocal oder Citizen Journalism:

Jeff Jarvis on New Business Models for News 2009 from CUNY Grad School of Journalism on Vimeo.

Und schließlich noch einen HarvardB Business IdeaCast mit Umair Haque: „Can Good Journalism Also Be Profitable?“ [14:42 min]

Last, but not least: Empfehlenswerte deutschsprachige Blogs zu diesem Thema kommen von Ulrike Langer und CARTA. Letztere haben sich auch mit der Frage Link-Ökonomie trifft Leistungsschutzrecht auseinandergesetzt.

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